Bild: Lars Nissen auf Pixabay

DE: Bei Trauer gut zureden?

Was sagt man, wenn jemand im Freundes- oder Familienkreis trauert? Wie kann man bei Trauer gut zureden?

Meine Erfahrung sagt: Vor dem gut Zureden kommt das gut Zuhören. An allem, die Angst haben, nicht die richtigen Worte zu finden: kleine Gesten und anteilnehmendes Schweigen tragen weit. 

Trost mit Gesten, Worten und einfühlsamem Schweigen

Trauer ist eine universelle menschliche Erfahrung, die irgendwann Jede und Jeder erlebt. Das Gute ist: Als Menschen können wir trauern, es gehört zum Menschsein dazu wie die Bindungen, die wir eingehen. Das bedeutet leider nicht, dass Trauer einfach auszuhalten ist.

Eine wichtige Kraftquelle sind für viele Trauende die Menschen in ihrem Umfeld. Doch gerade für sie ist es oft schwer, die richtigen Worte zu finden. Und auch, wenn richtig gewählte Worte Trost spenden: einfühlsames Schweigen wird oft als sehr heilsam erlebt. Und konkrete Gesten kommen fast immer besser an als gut zureden. Voraussetzung ist fast immer das Zuhören.

Gut zuhören statt gut zureden

SChmuckbild Gut zuhören statt bei Trauer gut zureden

Gut zusprechen braucht vor allem eins: gutes Zuhören. Dabei ist es wichtig, nur das wiederzugeben, was wir vom Trauernden wirklich gehört haben – möglichst ohne eigene Interpretationen oder Annahmen. Es hilft, das Gegenüber nicht zu unterbrechen, zu urteilen oder mit eigenen Geschichten aufzuwarten (siehe auch das Modell der konzentrischen Kreise). Damit gibt man Trauernden Zeit, um ihre Emotionen zu sortieren und auszudrücken – statt unsere eigenen in den Vordergrund zu stellen.

Für manche Trauernde ist auch einfach nur Schweigen heilsam, und Gesellschaft stärkt sie dabei. Die Bedürfnisse sind hier so unterschiedlich wie die Menschen und ihre Tagesformen.

Die richtigen Worte finden

Die richtigen Worte zu finden, ist schwer, wenn wir in einer ungewohnten Situation sind. Und eine Begegnung mit einer trauernden Person ist für die meisten Menschen ungewohnt. Gutes Zureden ist bei Trauer meistens nicht die beste Lösung. Viel eher können diese Tipps helfen:

  • Aufrichtig sein: Es ist in Ordnung, zuzugeben, dass man nicht weiß, was man sagen soll. Man kann einfach sagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und ich bin hier für dich.“
  • Konkretes erzählen: „Ich fühle mit dir“ oder „Du bist in meinen Gedanken“ sind sehr allgemeine Aussagen. „Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich euch zusammen beim Frühstücken getroffen habe, und wie viel Spaß wir hatten.“
  • Ohne Klischees sprechen: Sätze wie „Er/sie ist an einem besseren Ort“ oder „Alles geschieht aus einem Grund“ können Trauernde verletzen. Wenn ein Gespräch in die Richtung läuft, kommt eine Nachfrage manchmal gut an: „Was denkst du, wo er ist?“ „Glaubst du an ein Sein nach dem Tod?“
  • Dasein: Manchmal ist es am hilfreichsten, einfach da zu sein und zu schweigen.

Anteilnahme durch Gesten

Gerade beim gemeinsamen Schweigen kann man Anteilnahme wunderbar nonverbal, mit kleinen Gesten ausdrücken:

Zum Beispiel kann man im Gespräch an einer schweren Stelle oder beim Weinen eine Hand anbieten oder eine Umarmung. Das unterstützt und zeigt: Du bist nicht allein.

Beim Körperkontakt bitte darauf achten, dass beide – der_die Trauernde und Du / Sie als Gesprächspartner – einverstanden sind. Wenn Du / Sie bereit bist: Eine Hand anzubieten ist unaufdringlich und sie lässt sich auch ohne Peinlichkeit wieder zurücknehmen, wenn Körperkontakt doch nicht das Richtige ist.

Dabei darf die eigene Betroffenheit durchscheinen. Mir steigen bei Gesprächen mit Trauernden durchaus mal Tränen in die Augen, und das finde ich auch ok. Ich weine natürlich nicht ungehemmt – dann ginge es ja um mich, und nicht um mein Gegenüber. Wenn ich aber zeige, dass mich etwas berührt, zeige ich auch: Es ist schwer. Es darf sich so anfühlen, wie sich Trauer nun mal anfühlt.

Symbolische Gesten oder kleine Aufmerksamkeiten sind ebenso hilfreich: Gemeinsam eine Kerze anzünden, etwa, oder eine Messenger-Nachricht mit einem Emoji am Tag nach dem Gespräch.

Und schließlich: Konkrete Gesten im Alltag sind bei den meisten Trauernden sehr willkommen: Mahlzeiten vorbeibringen, Dinge einkaufen, Staub saugen oder die Kinder für eine Stunde am Nachmittag übernehmen … das sind nur einige Ideen.

Man kann sich auch als Fahrdienst für die Besprechungen beim Bestatter oder dem Besuch einer Trauergruppe zur Verfügung stellen. Und wer sich gut mit dem Papierkram des Lebens auskennt, kann auch Unterstützung bei den Formalitäten mit Versicherungen, Einwohnermeldeamt oder Finanzamt anbieten. Mehr gibt es in diesem Blogartikel über Unterstützungsnetzwerke in der Trauer.

Was man nicht sagen sollte

Es gibt eine Reihe floskelhafter Sätze, die Trauernde zum Glück immer seltener hören. Und so lange diese nicht ganz verschwinden, zähle ich sie trotzdem auf. Inklusive meiner Alternativen aus der Trauerbegleitung, damit aus dem Wunsch nach „gut Zureden“ ein gutes Gespräch wird. Don’t: „Ich weiß, wie es Dir geht. Als X gestorben ist…“ Viele Trauernde erzählen mir in Einzelgesprächen oder der Gruppe, dass sie sich regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn jemand ihre Trauer mit eigenen Erfahrungen vergleicht. Mein Erklärungsansatz für diese Reaktion ist, dass die Gesprächspartner in der Situation über sich reden und damit nicht beim Trauernden sind – und das spüren die Trauernden. Mein Satz stattdessen: „Ich kann mir kaum vorstellen, was gerade in Dir los ist.“ Don’t: „Ich verstehe, wie Du Dich fühlst“ Jede_r trauert auf seine eigene Weise, und ehrlicherweise „versteht“ niemand, wie sich eine andere Person fühlt – egal, wie ähnlich Schicksale wirken. Mein Satz stattdessen: „Ich sehe, dass es Dich beschäftigt / belastet / Dir wehtut.“ Don’t: „Alles hat einen Sinn“ oder „Wer weiß, wozu es gut war“: Selbst wenn Menschen spirituell gläubig sind, verletzt dieser Satz ungemein – denn egal wie „natürlich“ ein Tod von außen wirkt: Die Gefühle der Trauer richten sich nicht nach Sinn oder Unsinn. Sie sind einfach. Mein Satz stattdessen: „Ich hoffe, dass Du einen Weg findest, damit zu leben – ob Du einen Sinn findest oder nicht.“ Don’t: „Trauerst Du immer noch?“ Trauer ist ein natürlicher Prozess, der für jede Person unterschiedlich verläuft und unterschiedlich lange dauert. Den Trauernden das Gefühl zu vermitteln, dass sie zu lange trauern, erzeugt neben Druck das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Mein Satz stattdessen: „Wie fühlt sich Deine Trauer HEUTE an?“ Don’t: „Alles wird gut werden“: Egal, ob das stimmt oder nicht – es geht nicht darum, ob es wieder gut wird. Trauer bedeutet, sich anzupassen, und DAS möchte gewürdigt werden. Deswegen dürfen – ja: können wir Menschen trauern, wenn wir einen Verlust erleiden. Und nein, es muss nicht „alles wieder gut werden“ – das ist ein Pseudo-Glücksversprechen, das wenig hilfreich ist. Stattdessen wird es leichter, den Trauer-Rucksack zu tragen. Mein Satz stattdessen: „Was müsste geschehen, damit es ein klein wenig erträglicher ist?“

Trauerkarte zeigt Mitgefühl

Ist der Trauerfall nicht im engsten Umfeld, möchtest Du oder möchten Sie vielleicht ein Wort der Anteilnahme teilen, ohne gleich ein tieferes Gespräch anzustoßen. Dafür schreiben viele Menschen Trauerkarten.

Das traditionelle “Mein Beileid” gefällt vielen Menschen nicht mehr. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Beileid (oder Mitleid) und einer geäußerten Anteilnahme. Und letztere tut nach meiner Beobachtung den meisten Trauernden gut.

Hier Impulse für Alternativen – die übrigens auch beim ersten Treffen mit Trauernden funktionieren:

  • Ich habe vom Tod von X gehört. Mein Beileid, von Herzen.
  • Es tut mir leid, dass Du / Sie das erleben musst.
  • Ich kann mir nicht vorstellen, wie es Dir / Ihnen geht.
  • Dein / Ihr Verlust tut mir sehr leid.
  • Ich wünschte, Du/ Sie müsstest das nicht erleben.
  • Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du (in Deiner Familie) Kraft findest, den Verlust zu verarbeiten.

Ressourcen für Trauerunterstützung und Beratung

Es gibt viele Ressourcen für Trauerunterstützung und Beratung, die Trauernden helfen können, mit ihrer Trauer umzugehen. Viele von ihnen stellen zudem Tipps für das Umfeld zusammen. Hier sind einige Beispiele:

  • allgemeine Trauergruppen – siehe zum Beispiel Übersicht bei trauergruppe.de
  • spezielle Selbsthilfegruppen für Verwaiste Eltern (hier geht es zum Bundesverband), oder für Suizid-Hinterbliebene (AGUS)
  • Infoseiten wie das Münchner Sternenkind-Netzwerk (auch für Nicht-Münchner interessant)
  • Telefon”Seelsorge”, bundesweit erreichbar unter 0800.1110111 und 0800.1110222 oder online
  • selbstständige Trauerbegleitende (wie mich)

Anteilnahme statt gut zureden

Trauer ist ein natürlicher und notwendiger Prozess, für den Menschen sich Zeit nehmen dürfen.

Die Anteilnahme des Umfelds durch gut gewählte Worte und Gesten kann Trost spenden und stützen. Empathisch zuhören, sich einfühlen, ohne mitzuleiden, und Respekt vor den Bedürfnissen der Trauernden zeigen, sind gute Leitplanken fürs eigene Handeln.

Um sie zu überprüfen, habe ich einen Tipp für Sie: Wer steht bei dem Gespräch im Mittelpunkt: Der_die Trauernde? Oder mein Anliegen, wie ich damit umgehe?

 

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