Trauer an Weihnachten
Jedes Jahr sterben allein in Deutschland mehr als 1 Million Menschen. (Hoffentlich) Viele von ihnen werden von Menschen in ihrer Familie und im Freundeskreis vermisst. Und an Weihnachten besonders stark.
Die Bilder von glücklichen Familien in der Erinnerung wie in jeder Werbung machen das Fehlen der vermissten Person noch deutlicher.
Wie kann man Weihnachten nach einem Todesfall feiern?
Weihnachten in Trauer: Impulse für ein Fest, an dem Verlust und Trauer Platz finden
Feiern Sie Weihnachten mit Ihrer Trauer, nicht gegen sie. Meine drei Tipps dafür in aller Kürze:
- Seien Sie darauf vorbereitet, dass die Trauer sich an den Weihnachtstagen melden wird.
- Machen Sie sich gleichzeitig bereit, dass es schöne Momente geben darf.
- Planen Sie zudem ein Andenken an die verstorbene Person in Ihre Weihnachtstraditionen ein.
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→ Mit dem Andenken geben Sie Ihrer/Ihrem Verstorbene_n einen Platz, und Sie erlauben sich, in Verbindung mit der verstorbenen Person zu sein.
Hier sind einige Ideen, wie Sie das Andenken an die verstorbene Person einbinden können:
- Nehmen Sie ein Andenken mit, wenn Sie Besuche machen. Das kann ein Foto sein (in der Tasche), ein Schmuckstück, ein T-Shirt oder ein Schal … was auch immer Sie tröstet.
- Basteln Sie ein Andenken. Eine Möglichkeit ist ein leerer Stuhl, den Sie bemalen und verzieren. Damit geben Sie der verstorbenen Person einen „Platz“ am Tisch und machen den Verlust sichtbar.
- Sie können auch Andenken für den Baum basteln. Es gibt z. B. leere Weihnachtskugeln oder Deko-Anhänger aus Holz, die Sie mit dem Namen der/des Verstorbenen beschriften und weiter verzieren können, und dann an den Baum hängen.
- Ebenso können Sie Steine bemalen oder kleine Trostherzen aus einem Kleidungsstück der verstorbenen Person nähen, die Sie als Erinnerung verschenken. Die Herzen können kissengroß sein oder ein Handschmeichler werden.
- Genauso können Sie Lieblingsbücher oder Lieblingsmusik des oder der Verstorbenen verschenken, als letztes Geschenk an die Lebenden.
- Und Sie können sich selbst etwas schenken, das Ihre Verbindung zeigt, etwa ein Schmuckstück oder ein Tattoo.
- Last but not least können Sie darum bitten, dass Menschen statt der Geschenke an eine Organisation spenden, die der verstorbenen Person wichtig war.
Über den oder die Verstorbene(n) sprechen und Rituale entwickeln
Wenn Sie etwas initiieren, wird das Sprechen über die verstorbene Person oder über Ihre Trauer für andere eventuell leichter. Sie öffnen Ihrem Umfeld gewissermaßen die Tür.
Das macht es oft auch leichter, über ein Ritual oder ein Gedenken in größerer Runde zu sprechen:
- eine gestaltete Kerze anzünden
- einen Toast aussprechen
- ein Foto aufstellen
- gemeinsam ein besonderes Lied hören
- ein bestimmtes Gebäck auftischen
- gemeinsam zum Grab gehen
- mit oder ohne den geschmückten Zweig vom Weihnachtsbaum, der seit der Familie Bonhoeffer eine der bekanntesten Gesten trauernder Familien zu Weihnachten ist.
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Und schließlich: Bitte haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn es an Weihnachten trotz Trauer nach einem Verlust einen Moment lang schön sein kann. Genauso wie Sie Traurigkeit und Sehnsucht fühlen dürfen. Vielleicht gelingt es Ihnen, dass sich beides abwechselt? Das hätte die Trauer an Weihnachten dann mit anderen Tagen gemeinsam: Sie kommt und geht, wie Wellen. Und beides, Ebbe wie Flut, hat seine Berechtigung.
Trauer an Weihnachten: Vorbereiten und auf sich zukommen lassen
Trauer ist an Weihnachten ebenso da wie an anderen Tagen. Sie nimmt keine tagelange Pause, nur weil der Kalender ein paar Feiertage anzeigt. Vielleicht tritt sie ab und an etwas in den Hintergrund – wie an anderen Tagen. Und möglicherweise ist sie sogar stärker. Warum?
- Erinnerungen an vergangene Weihnachten oder Hoffnungen für kommende prasseln auf Trauernde ein.
- Die Sehnsucht ist besonders so groß, wenn gefühlt „alle anderen“ glücklich im Kreis der Liebsten Weihnachten feiern. Zur Trauer um die verstorbene Person schlägt die Trauer um die eigenen verlorenen Möglichkeiten besonders zu. Diese Sehnsucht macht viele Menschen traurig, auch nach anderen Verlusten, zum Beispiel wenn ein Haustier gestorben ist, oder nach einer Trennung.
- Manchmal schlägt die Trauer auch besonders zu, weil nach der stressigen Vorweihnachtszeit endlich ein paar Tage Ruhe einkehrt. Das kennen manche Trauernde von ihren Abenden oder Wochenenden: Tagsüber klappt das Ablenken gut, wenn es ruhiger wird, klopft die Trauer an. Außerdem fehlen Alltagsroutinen.
- Und schließlich: Kurze, düstere Tage sind für manche Trauernde eine zusätzliche Belastung, ebenso zu wenig Bewegung, fehlende Natur oder Alkoholkonsum.
Tipps für Trauernde in der Vorbereitung auf Weihnachten
Für viele Trauernde wird Weihnachten anstrengender als andere Tage in der Trauer. Denn viele von uns starten schon erschöpft in die Feiertage.
Mein erster Tipp ist so banal, dass er gerade in der hektischen Vorweihnachtszeit schnell in Vergessenheit gerät: Achten Sie gut auf sich, gerade in den Wochen vor Weihnachten.
Geben Sie bitte nicht einfach dem Druck nach, alles mitzumachen. Gerade jetzt kann ein guter Zeitpunkt sein, das Umfeld an Ihre Trauer zu erinnern.
Und: Sie müssen die Vorweihnachtszeit nicht so verbringen, als wäre nichts passiert. Sie entscheiden, ob Sie sich Ausgleich für Stress einplanen, oder den Adventstrubel ganz meiden. Manche stürzen sich in Arbeit, oder sie suchen immer wieder bewusst Verbindung zu ihrer verstorbenen Person, zum Beispiel mit Ritualen, „Gesprächen“, Friedhofsbesuchen, oder Ähnlichem. Was das Richtige ist, entscheiden Sie.
Mein zweiter Tipp: Planen Sie, wie Sie ihre verstorbene Person an Weihnachten „mitnehmen“. Planen Sie für jeden Tag etwas zum Andenken. Konkrete Tipps gibt es oben. Packen Sie Ihre Tage nicht zu voll. Entwickeln Sie lieber Alternativen, was Sie machen können, je nachdem, was Sie brauchen – von Ruhe bis Joggen, vom Grabbesuch bis zum Erzählen über den oder die Verstorbene_n. Informieren Sie außerdem Ihr Umfeld, wenn Sie nach Tagesform entscheiden möchten, ob Sie bei Aktivitäten dabei sind oder sich zurückziehen.
Mein dritter Tipp, gerade für die Tage davor: Versuchen Sie, sich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Die Angst vor den Weihnachtstagen (wie auch vor Jahrestagen) ist oft schlimmer als die Tage selbst. Planen Sie vor. Und stoppen Sie das Kopfkino, wenn es belastend wird, z. B. indem Sie laut „Stopp“ sagen, eine Atemübung starten oder Ähnliches. Das gilt auch für die Weihnachtstage selbst: Sie müssen nur den Moment schaffen, nicht alle Tage gleichzeitig.
Mein vierter Tipp: Traditionen sind Verhandlungssache. Wenn jemand aus der engsten Familie verstorben ist, müssen Sie an Weihnachten nicht alles genauso machen, wie in den Jahren zuvor. Rituale sind dazu da, Menschen zu helfen. Wenn daraus starre Traditionen werden, die Sie schmerzen, dürfen Sie Dinge verändern. Suchen Sie das Gespräch mit anderen Familienangehörigen darüber, wie neue, hilfreiche Traditionen entstehen können. Und dazu gehört auch, vor Weihnachten zu fliehen, und die Zeit für einen Urlaub zu nutzen.
Trauer trotz Weihnachten?
Soll man trauern, obwohl Weihnachten ist? Ja, bitte! Die Trauer wegzudrücken wird kaum funktionieren. Und wenn doch, kann es zu gereizter Stimmung führen, oder die Trauer meldet sich danach umso stärker zurück. Beides ist stressig.
Ein zweiter Gedanke: Trauer an Weihnachten oder an anderen Tagen zu unterdrücken, bedeutet auch, das Andenken an die verstorbene Person zu verstecken. Wird ihr das gerecht?
Auch an Weihnachten darf die Trauer so wellenartig mal da sein, mal da sein und mal in den Hintergrund treten, wie an anderen Tagen auch. Trauer an Weihnachten bedeutet also nicht, nur traurig zu sein, oder nur Sehnsucht zu haben. Wie an anderen Tagen auch, dürfen Trauernde zwischendrin Pausen von ihrer Trauer haben, in denen das Hier und Jetzt okay ist. Das bedeutet nicht, dass man die verstorbene Person vergisst. Es bedeutet, anzuerkennen, dass man selbst noch lebt – mit der Verbindung zur verstorbenen Person.
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Petra Meyer
Coachin und Trauerbegleiterin München und remote
Veränderungen mit Zuversicht und Empathie begleiten
