Todesfall im unternehmen
Bild: Frans Van Heerden, Pexels 2828584

SCARF-Faktoren in der Trauer​

SCARF ist das Akronym der englischen Begriffe

  • Status
  • Certainty
  • Autonomy
  • Relatedness
  • Fairness
Sie beschreiben Grundbedürfnisse in der Kommunikation. Das lässt sich für stärkende Kommunikation mit Trauernden nutzen.

SCARF – eine kurze Einführung

David Rock definiert die fünf Begriffe in SCARF als Grundbedürfnisse, auf ihrer Achtung basiert eine gelungene Kommunikation:

  • Status bedeutet die Anerkennung durch ein Außen oder Gegenüber.
  • “Certainty” beschreibt eine Sicherheit, die aus der Vorhersehbarkeit von etwas resultiert. Ich benutze im Deutschen auch die Begriffe Gewissheit – oder (etwas zugänglicher) Planungssicherheit.
  • Autonomie ist das Vermögen, eigenständig etwas zu bewirken.
  • “Relatedness” bezieht sich auf das Empfinden von Verbunden-Sein, von Gemeinschaft.
  • Fairness meint das individuelle Gerechtigkeitsempfinden.
 
siehe David Rock 2008, SCARF: A brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership journal, 1(1), 44-52. 
 

Jedes dieser Anliegen kann verschiedene Facetten und Ausprägungen annehmen. Gemeinsam haben sie dies: Bei aller individuellen Variation möchte jeder Mensch seine Grundbedürfnisse in Interaktionen mit anderen erfüllt sehen.

Mir hilft das SCARF-Modell im Gespräch mit Trauernden, verletzte Grundbedürfnisse der Hinterbliebenen einzuschätzen und den Blick auf Aspekte zu lenken, die eines der Bedürfnisse stärken könnten.

Das dahinterliegende Ziel ist: Trauernden ein Stück Stabilität zu bieten und sie in ihrer Selbstwirksamkeit zu unterstützen.

Die SCARF-Faktoren in der Trauer

„Status“: die Identität stärken

Im Original wird Status als „our relative importance to others“ beschrieben, wörtlich: unsere relative Bedeutung für andere. In Gesprächen mit Trauernden macht dieser Aspekt mich darauf aufmerksam, dass mit dem Verlust auch ein Baustein der Identität verloren gehen kann:

Wer bin ich, wenn ich nach dem Tod meiner Eltern nicht mehr Tochter bin? Wie bin ich Schwester oder Bruder nach dem Tod meines Geschwisters? Bei einer Krankheit könnte der verloren gegangene Identitätsbaustein sich fragen: Ich, die ich immer auf meine Ernährung geachtet habe, brauche plötzlich eine Chemo?

Diese verlorene Identität kann am Status, verstanden als die „relative Bedeutung für andere“, knabbern.

Mein Umgehen in konkreten Gesprächen ist, diesen zweiten Verlust erst einmal anzuerkennen: „Ich kann mir kaum vorstellen, wie seltsam sich das gerade anfühlt.“

Zweitens gebe ich diesen Status explizit: Ich sehe Menschen auch nach dem Tod eines Geschwisters als Schwester oder Bruder. 

Anschließend arbeite ich (wenn möglich) mit dem Teil der Identität, der scheinbar verloren ist. Ich finde mit Trauernden nach dem Tod der Eltern heraus, wie sie als Tochter oder Sohn waren – und wie eine neue Beziehung aussehen kann. Und mit einer gesundheitsbewussten Frau, die Chemo bekommt, kann ich in ihrem Gesundheitswissen nach etwas suchen, dass ihrem Körper gerade jetzt guttut. 

Im weiteren Gespräch achte ich aktiv auf andere Facetten der Identität und „gebe Status“:

  • Oh, Sie sind Lehrerin. Das ist in meiner Vorstellung ein sehr verantwortungsvoller Beruf, oder? Wie ist das für Sie?
  • Sie gärtnern gern? Erzählen Sie mir etwas davon? Was bauen Sie am liebsten an?
  • Was mögen Sie an Ihrem Beruf / Hobby / an ihrer Nachbarschaft? 

Certainty: So gewinnen Trauernde Gewissheit zurück

Je unvorbereiteter ein Schicksalsschlag kommt, desto stärker stellt er möglicherweise Lebensgewissheiten infrage. Der Tod eines nahen Menschen wird häufig so erlebt. Manche Trauernde fühlen sich nach diesem Kontrollverlust als Menschen, denen Dinge zustoßen, vielleicht sogar als Opfer. In der Folge kann die Handlungsfähigkeit verloren gehen, und der Blick für die eigene Selbstwirksamkeit.

Gewissheit oder Planungssicherheit (der zweite der SCARF-Faktoren) kommt bei den meisten Trauernden mit der Zeit zurück. Wenn das Umfeld bis dahin Stabilität bietet, ist das eine wirksame Unterstützung von außen. Das beginnt bei einfachen Dingen wie „pünktlich sein“, oder sich zu melden, wenn man das verabredet hatte. Und geht bis zum emotionalen DA-Sein und Mit-Aushalten.

Überraschungen sind für frisch Hinterbliebene nicht immer eine gute Idee. Eine Überraschungsparty zum Geburtstag 10 Monate nach dem Tod des Partners ist sicher gut gemeint – und kann dem Empfinden der Trauernden für den Tag diametral entgegenstehen. Falls das Überraschungsfest nicht willkommen ist, trägt es möglicherweise zum Gefühl bei, der Welt ausgeliefert zu sein. Ein Gespräch vorab hilft, die Wünsche der Trauernden zu berücksichtigen.

Ein zweiter Aspekt stärkt den Faktor „Certainty“ indirekt: Um wieder Selbstwirksamkeit zu erfahren, ist es außerordentlich hilfreich, an die Handlungsfähigkeit der Trauernden zu appellieren. Was uns zum dritten SCARF-Faktor bringt: Autonomie.

Mein Lieblingsfaktor: “Autonomie” einräumen, Selbstwirksamkeit fördern

Unter den SCARF-Faktoren ist Autonomie das Bedürfnis, das wir in der Trauerbegleitung am leichtesten unterstützen können: indem wir Trauernde darin bestärken, Entscheidungen zu treffen und Dinge selbst zu tun.

Und da liegt manchmal die Schwierigkeit fürs Umfeld: Denn der erste Impuls vieler Menschen ist, Trauernden möglichst viel abzunehmen, vom Haushalt bis zur Organisation der Trauerfeier. Man will ja schließlich helfen.

Dabei ist es heilsamer, wenn die Trauernden sich als Handelnde erleben, die angesichts der Ohnmacht gegenüber dem Tod wenigstens die jetzt anstehenden Themen (Welcher Sarg? Welche Musik?) oder Alltagssituationen (Wer kommt zu Besuch?) beeinflussen können. 

Mein Tipp an Menschen im Umfeld von Trauernden: Aktivieren Sie Trauernde, zumindest die Entscheidung selbst zu treffen. Fragen Sie explizit nach, was Trauernde selbst tun möchten. Und bieten Sie für komplexere Themen wie Telefonate mit Behörden an, das gemeinsam zu erledigen. Damit sind Sie hilfreich. Und gleichzeitig vergewissern sich Trauernde von Entscheidung zu Entscheidung, dass sie Dinge beeinflussen können.

Relatedness: So arbeiten Sie mit dem SCARF-Faktor Zugehörigkeit in der Trauerbegleitung

Auch über „Zugehörigkeit – Relatedness“, den vierten der SCARF-Faktoren, können Trauernde oft sehr leicht gestärkt werden: Sie sind (ungewollt) Teil einer Gemeinschaft von Menschen, die auch jemanden verloren haben. Diese Menschen zu treffen, zum Beispiel in einer Trauergruppe, erleben viele Trauernde als hilfreich. Auch, weil sie hier das Gefühl haben, wenig erklären zu müssen.

Menschen aus dem Umfeld, egal ob Familie, Freundeskreis oder im beruflichen Kontext, können Trauernde leicht über den SCARF-Faktor Zugehörigkeit unterstützen, etwa indem Trauernde weiter zu Feiern und regelmäßigen Terminen eingeladen werden; gern mit dem Zusatz: „entscheide spontan, ob du kommen magst – es ist richtig, wenn es für dich passt“.

Das gibt Trauernden Sicherheit, dass sie je nach Kraftreserven und Bedürfnisse ad-hoc entscheiden können.

Ich halte das auch in Begleitungen so: Ich bitte Trauernde, genau auf sich zu hören, ob sie zur verabredeten Uhrzeit Kraft und Offenheit für unser Gespräch oder die Gruppenstunde haben – und abzusagen, wenn es zu viel ist.

Der schwierigste SCARF-Faktor für die Trauerbegleitung: „Fairness“

Fairness ist beim Verlust eines nahen Menschen kaum zu bekommen. Ehrlich gesagt: von allen SCARF-Faktoren ist Fairness vermutlich derjenige, sie sich kaum direkt stärken lässt. Auf die Frage nach dem „Warum ich/wir?“ gibt es weder beim Tod eines lieben Angehörigen noch bei eigener Krankheit eine gute Antwort. Im Gespräch mit Gläubigen kann der Glaube an eine übergeordnete Macht trösten. Und sie kann übrigens auch belasten: „Wieso hat Gott das zugelassen?“

Was vielen Trauernden guttut, ist die Anerkennung des verletzten Gerechtigkeitsempfindens: „Nein, das ist nicht fair.“ Oder auch: „Nein, das hat niemand verdient.“ Sinn in einem Tod zu finden, oder sich zumindest an der Sinn-losigkeit nicht aufzureiben, gehört zu den schwersten Lernaufgaben für Trauernde.

Dazu gehört auch, die Unfairness selbst auszuhalten. Und so unbefriedigend diese Antwort im Vergleich zu den Tipps oben erscheinen mag*: Aushalten-können ist die wirksamste Gabe, die wir in ein Gespräch mit einem Menschen in einer schwierigen Situation mitbringen können. Gepaart mit einem wachen Herz, das die anderen Bedürfnisse bzw. die Bedürfnisse des Anderen hört und ernst nimmt, ist das Aushalten-können die beste Grundlage für ein stärkendes Gespräch mit Trauernden.

Als indirekte Stärkung eignet sich ein aktives Unterstreichen, wenn Trauernde später (oder in einem anderen Gespräch) über das sprechen, was sie hatten, wenn sie schöne Erinnerungen hervorholen, oder dankbar für die gemeinsame Zeit sind. Das hilft auch bei der sogenannten „Sinnsuche“.

*Was nicht heißt, dass ich das Thema Fairness aufgebe: Falls jemand Tipps oder Idee für das Hadern mit der Fairness hat, freue ich mich über eine Nachricht: hallo[at]trauer-coaching.de

Selbstwirksamkeit entlang der SCARF-Faktoren stärken

Das Stichwort Selbstwirksamkeit fiel oben bereits, sie ist die geheime Zauberformel im Gespräch mit Trauernden. Nicht umsonst ist Selbstwirksamkeit einer von acht Faktoren für Resilienz. Mehr dazu gibt es in diesem Blogartikel über Resilienz, Trauer und das Buch Option B von Sheryl Sandberg.

Im Vergleich zu anderen Resilienz-Faktoren wie Optimismus oder Lösungsorientierung finde ich es relativ einfach, Selbstwirksamkeit auch von außen und auch in der Akutsituation wirksam zu unterstützen.

Die Beispiele oben sind Anregungen, wie sich die Selbstwirksamkeit – und die Netzwerkorientierung als weiteren Resilienz-Faktor – mit der leicht zu merkenden Formel der SCARF-Faktoren unterstützen lässt.

Welche Beispiele fallen Ihnen ein? Schreiben Sie mir: hallo[at]trauer-coaching.de

 

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