Der Trauer Raum geben: Baum zum Andenken an Sternenkinder in München
Sternenkinder-Baum in München im Dezember 2022, eigenes Bild

Trauer Raum geben

Trauer will gesehen werden: Sie gehört zum Mensch-Sein dazu, und ihr Raum zu geben, erleben viele Menschen als heilsam. Und doch ist sie weitgehend ins Private verbannt. Wieso eigentlich?

Sternenkinder-Baum – Gedenken ganz öffentlich

Trauer findet allzu oft hinter verschlossenen Türen statt. Ein Zeichen für öffentliche Trauer setzten Sternenkinder-Eltern in München im Advent 2022: Sie schmückten einen Weihnachtsbaum mit Andenken an ihre verstorbenen Sternenkinder. Sternenkinder, das sind Babys, die in der Schwangerschaft, während oder kurz nach der Geburt sterben.

Der Baum stand am Rand des Alten Botanischen Gartens, an der Terrasse des Parkcafés. Eine ähnliche Initiative gibt es in Klagenfurt, hier getragen von der Organisation Wandelstern. 

Je nach eigener Erfahrung im Umgang mit Tod und Trauer stellen Sie sich vielleicht eine der beiden folgenden Fragen: Wozu braucht es das? Oder auch: Wieso gibt es nicht mehr davon?

Trauer Raum geben, öffentliches Gedenken
Bild: Irina Anastasiu, Pexels 54512

Individuell Raum für Trauer finden

Der Verlust eines nahen Menschen schmerzt Hinterbliebene; das Gefühl, dass die geliebten Toten vergessen werden, schmerzt oft noch mehr.

Dabei kann es viele Gründe haben, dass das Andenken an Verstorbene in den Hintergrund gerät: von der Sprachlosigkeit des Umfelds über eine Erwartungshaltung (an sich selbst oder wahrgenommen von anderen), es möge “auch mal wieder vorbei sein”; über die zu wenigen Spuren, die ein verstorbenes Baby in der Welt hinterlassen hat; bis zur Hektik des Alltags, in der für regelmäßiges Andenken weniger Zeit bleibt als manche Trauernde es sich vielleicht wünschen.

Mit Initiativen wie dem Sternenkinder-Baum, dem weltweiten Kerzen entzünden am zweiten Sonntag im Dezember oder (digitalen) Kondolenzbüchern finden Hinterbliebene Möglichkeiten, ihre Verstorbenen sichtbar zu machen.

Und nicht nur die Verstorbenen werden so etwas sichtbarer, sie geben auch der Trauer Raum.

 

Trauer zeigen?

Trauer ist die normale Reaktion auf einen Verlust. Und obwohl Trauer damit zum regulären Spektrum menschlicher Erfahrung gehört, findet individuelle Trauer nur selten öffentlich statt. Im Unterschied zur kollektiven Trauer übrigens, etwa nach Katastrophen oder dem plötzlichen Tod von bekannten Persönlichkeiten.

Dabei hat öffentlich gelebte Trauer (wie sie vielleicht noch hier und da auf dem Land zu beobachten ist), durchaus eine Funktion: Trauer erzeugt Anteilnahme.

Wenn Trauernde sich trauen und sich zeigen, können sie auf Mitgefühl, und wo nötig auf Rücksichtnahme hoffen. Dieses Mitgefühl signalisiert im besten Fall, dass Trauernde nicht allein bleiben müssen, sondern jederzeit willkommen sind – auch wenn sie sich hin und wieder zurückziehen.

 

Oder doch lieber “Privatsache Trauer”?

In der Trauerbegleitung erlebe ich, dass sich nicht alle Trauernden zeigen möchten. Nicht wenige äußern beispielsweise den Wunsch, am Arbeitsplatz  “ganz normal behandelt” zu werden.

Gerade hier tut es gut, wenn das Umfeld den Wunsch nach Privatheit der Emotionen, “Normalität” oder “Funktionieren dürfen” respektieren kann, ohne dass die Trauer als erledigt gesehen wird.

Für jeden und jede einzelne_n Trauernde_n stellt sich damit die Frage: Mit wie viel Trauer möchte ich mich zeigen? Wie viel Trauer kann und möchte ich in meinem Bild für die Außenwelt zugeben? Und vielleicht auch: Wie selbstverständlich oder anerkannt ist die Verlust-Reaktion “Trauer” in meinem Umfeld – was möchte ich meinem Umfeld darüber hinaus zuMUTen?

Egal, ob eine öffentliche Anerkennung des Verlustes eingefordert wird, oder Trauer als Privatsache gelebt wird: die Antwort geben die Trauernden selbst! Zuschreibungen wie “Er/sie trauert ja gar nicht” (alternativ: zu viel), oder Vermutungen wie “ich an seiner/ihrer Stelle …” sind selten hilfreich.

 

Trauer: mit Wellenbewegungen rechnen

Ob oder wie (stark) Trauernde sich mitteilen möchten, kann sich im Verlauf der Trauer verändern: von anfänglichem Schweigen zu langsamer Öffnung, genauso wie von einem starken Wunsch, vom bzw. von der Verstorbenen oder den Umständen des Todes zu erzählen, zum Wunsch, nicht darüber zu sprechen.

Diese Bewegung darf so dynamisch sein, wie Trauer als Verarbeitungsmechanismus selbst (siehe mehr im Artikel über Trauermodelle wie die Trauer-Facetten und das duale Prozess-Modell). Viele Trauernde erleben zu Beginn schnelle Wechsel in ihren Bedürfnissen und starke Ausschlägen in ihren Stimmungen. Mit der Zeit werden die Wellenbewegungen in der Regel etwas ruhiger, die Stimmungen stabiler. Die Trauer verändert sich; “vorbei” ist sie deswegen nicht.

 

Raum für Trauer einfordern

Für das Umfeld der Trauernden ist das Auf und Ab vielleicht verwirrend oder anstrengend. 

Trauernde können es ihrem Umfeld (und damit auch sich selbst) einfacher machen, wenn sie die eigenen Bedürfnisse formulieren können. Sie zu benennen, kann Übung erfordern, und vielleicht auch Überwindung.

Für manche Trauernde ist es hier hilfreich, das Sich-Öffnen mit eng verbundenen Menschen auszuprobieren. Andere mögen die Verbundenheit und gleichzeitige “Alltags-Anonymität” einer Trauergruppe, um den eigenen Wünschen auf die Spur zu kommen. In beiden Fällen braucht Trauer ein Stück “sich trauen”.

 

Nach Trauer fragen

Menschen im Umfeld – im Freundeskreis, in der Familie oder unter Arbeitskolleg_innen – können Trauernde aktiv unterstützen.

Sie dürfen sich zum Beispiel vor einem Treffen überlegen, ob sie aktiv nachfragen: Möchtest du über deine_n Tote_n und deine Trauer sprechen? Vorausgesetzt natürlich, die eigene Stabilität reicht für das Gespräch aus. Ist das gegeben, entscheiden beide gemeinsam, wie sie der Trauer Raum geben.

 

Trauer in vielen Erscheinungsformen akzeptieren

Vielen Menschen im Umfeld von Trauernden hilft das Wissen, wie Trauer verlaufen kann – eben nicht gradlinig, sondern in den oben beschriebenen Wellenbewegungen.

Ebenfalls wissenswert: Wenige Wochen oder ein paar Monate sind für Trauernde ein sehr kurzer Zeitraum. Wer sich über die ersten Wochen hinaus an den Verlust erinnert, über die verstorbene Person spricht oder die Trauer benennt, macht es Trauernden leichter, über ihr Befinden zu sprechen.

Gerade um den ersten Todestag herum intensiviert sich die Trauer bei vielen Hinterbliebenen. Und wir alle wissen, wie schnell ein Jahr vorbei ist, ohne dass wir es merken. Mein Tipp: Notieren Sie sich den Todestag im Kalender. Trauen Sie sich, die trauernde Person einige Wochen vorher anzusprechen, zum Beispiel mit einem Halbsatz wie “Bald ist ja der Todestag …”

So zeigen Sie Verständnis zeigen, und öffnen dem oder der Trauernden eine Tür, über den Verlust zu sprechen.

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